Home News Portrait (Teil 1)
Dienstag, 09 August 2011 00:01

Portrait (Teil 1)

Autor:  Autor
Bewerte diesen Beitrag
(0 Bewertungen)
Miss Speed erfüllt sich den großen Traum

26. Juli 2010, 21:01 Uhr: „Noch zwei Tage bis zum Olympia-Countdown.“ 28. Juli 2010, 10:49 Uhr: “Olympia-Countdown läuft. One year to go…“ Dies hat nicht etwa das Londoner Olympia-Organisationskomitee auf seiner Website geschrieben. Dies hat Kristin Silbereisen auf ihrer Facebook-Fan-Seite gepostet. Sie fiebert den Olympischen Spielen entgegen - seit langer Zeit. Die Teilnahme an Olympischen Spielen ist ihr Traum, seit sie ein Kind ist. 2012 wird er wahr.

Knapp 500 Kilometer Luftlinie sind es nur von Düsseldorf, wo die 26-Jährige wohnt, bis nach London. Für eine Sportlerin ist es jedoch ein langer, harter Weg dorthin. Denn Olympia ist ein Traum, der nur alle vier Jahr wahr werden kann für eine im Vergleich zur Tischtennis-Welt geringen Zahl von Teilnehmern. Wenn die Qualifikation dann gelungen ist, ist die Vorfreude groß, und die Erinnerung hält für immer – im Gedächtnis sowieso und bei einigen Athleten auch auf dem Körper. „Früher dachte ich, wenn ich einmal Olympia spiele, lasse ich mir die Olympischen Ringe tätowieren“, erzählt Kristin Silbereisen. „Jetzt bin ich mir mit dem Tattoo nicht mehr so sicher.“ Sicher ist nur eines: Sie wird in London dabei sein.

Ticket Nummer 26

28 Damen konnten sich über ihre Weltranglistenpositionen im Anschluss an die Einzel-Weltmeisterschaften in Rotterdam im Mai ihren persönlichen Startplatz sichern. Höchstens zwei Spielerinnen pro Nation dürfen im Einzelwettbewerb in London starten, eine dritte kommt für den Mannschaftswettbewerb hinzu. Schon 2010 begann für Kristin Silbereisen und Bundestrainer Jörg Bitzigeio das Rechenexempel. Sie wählte die internationalen Turniere klug aus und spielte gut, sammelte Punkt um Punkt, kam unter anderem bei den Slovenian und den Austrian Open ins Viertelfinale, war bei der Team-WM in Moskau eine der Stützen der deutschen Mannschaft.

Im Januar 2011 war sie erstmals die Nummer 30 der Weltrangliste, ihre bis dahin beste Platzierung. Nun galt es, diese Position zu halten. Dies ging vor allem durch einen Schachzug, den Silbereisen so gar nicht gewohnt war: international so wenig wie möglich anzutreten. Dabei war ihre Form ausgezeichnet. Bei ihrem Europe-Top-12-Debüt im Februar erreichte sie das Viertelfinale. Für den FSV Kroppach spielte sie eine 17:1-Bilanz und musste auch im Doppel nur drei Niederlagen hinnehmen. Die Entscheidung über die Direktqualifikation fiel bei der WM in Rotterdam. Trotz einer Erstrundenniederlage gegen die Spanierin Galia Dvorak reichte es für Olympia-Startplatz 26. Bei den Morocco Open in Rabat im Juli nahm Deutschlands Nummer zwei hinter Wu Jiaduo dann durch den Einzug ins Viertelfinale auch die interne Qualifikationshürde und erfüllte die Kriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes. Jetzt kann London kommen.

Profi-Wunsch schon mit 14 Jahren

Für Kristin Silbereisen stand früh fest, dass sie Tischtennisprofi werden wolle. So früh, dass sie nie darüber nachgedacht hat, welchen anderen Beruf sie gerne hätte ergreifen wollen. „Ich möchte irgendwann einmal einige Jahre als Profi spielen“, hatte sie gegenüber dem Fachmagazin „deutscher tischtennis-sport“ schon als 14-Jährige gesagt. Da war sie gerade Zweite beim DTTB-Top 12 und bei den Deutschen Meisterschaften der Schülerinnen geworden. Zwei Monate später sollte der Europameistertitel mit der Schülerinnen-Mannschaft folgen.

Es war ein starker deutscher Jahrgang mit den Zwillingen Meike und Gaby Rohr sowie der nur ein Jahr älteren Laura Stumper, die in der Jugendzeit in den Einzelwettbewerben zumeist vor der gebürtigen Koblenzerin platziert waren. Doch bei den Erwachsenen dauerhaft durchgesetzt hat sich nur Kristin Silbereisen. „Die Gründe für die unterschiedlichen Entwicklungen sehe ich vor allem in den unterschiedlichen Spielsystemen und verschieden ausgeprägten Spielfähigkeiten“, erklärt Dirk Schimmelpfennig, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes. „Letztendlich war Kristin länger und intensiver motiviert, Tischtennis als Leistungssport zu betreiben.“

Gut für Tischtennis: Ihr Tennislehrer „war ein Idiot“

Mit dem Tischtennissport in Berührung kam Kristin Silbereisen vor allem wegen eines Mannes: wegen ihres Tennislehrers. Sie und ihre Geschwister, Zwillingsbruder Daniel und die drei Jahre ältere Schwester Cornelia, waren Spieler mit Perspektiven im weißen Sport. „Aber mit unserem Trainer hat es nicht geklappt. Der war ein Idiot“, erzählt Silbereisen. „Wir haben uns zerstritten.“ Gut für den deutschen Tischtennissport. Zu diesem kam die Familie durch die mini-Meisterschaften. Am Tag des siebten Geburtstags der Zwillinge nahm das Geschwister-Trio am Ortsentscheid der „minis“ bei der DJK Ochtendung teil. Daniel und Cornelia wurden Dritte, Kristin Fünfte. Der erste Erfolg machte Mut und Lust auf mehr, zu Weihnachten schenkten die Eltern ihren Kindern einen eigenen Tischtennistisch. Die DJK Ochtendung wurde ihr erster Verein.

Kristin Silbereisens Talent zeigte sich früh. Ihr Trainingspensum erhöhte sie nach und nach. Die Schule verließ sie nach der zwölften Klasse (ihre besten Fächer waren Französisch und Sozialkunde), um sich ganz auf den Sport zu konzentrieren. Danach ging es schnell aufwärts – zunächst. Bei den Danish Open in Aarhus, ihrem fünften Pro-Tour-Turnier, stieß sie ins Viertelfinale vor, wobei sie unter anderem Chinas Top-Chinesin Niu Jianfeng besiegte. Ebenfalls die Runde der besten Acht erreichte sie in diesem, ihrem letzten Nachwuchsjahr bei den Jugend-Weltmeisterschaften in Chile. Im Januar 2004 wurden diese Ergebnisse mit Platz 101 in der Weltrangliste belohnt. "Es ist erstaunlich, dass sie sich so schnell entwickelt. Kristin ist schon vielen versierten und routinierten Athletinnen spielerisch überlegen, wenn es zu offenen Ballwechseln kommt“, konstatierte Richard Prause, der zu dieser Zeit Damen-Bundestrainer war. „Es sind die kleinen Punkte, beispielsweise im Aufschlag- und Rückschlagbereich, die ihr noch fehlen. Aber diese Dinge wird sie lernen.“

2004: der rasante Aufstieg

2004 wurde ein Top-Jahr für den Teenager, auch wenn es erst nicht danach aussah. Zunächst hatte die Sportsoldatin ihre Grundausbildung bei der Bundeswehr absolviert und einigen Trainingsrückstand aufzuholen. Dann fiel sie für die WM in Katar, wo sie ihr Debüt hätte geben sollen, kurzfristig verletzt aus. Doch sie nutzte den Sommer für intensives Training, das sich schnell auszahlte: Auf nationaler Ebene wurde sie Zweite beim DTTB-Top 12 in Pforzheim. Gegen Italien absolvierte die Rechtshänderin ihr erstes Länderspiel für Deutschland bei den Erwachsenen. Bei den Danish Open wurde sie erst im Finale gestoppt und sammelte mit weiteren guten Ergebnissen auf der Pro Tour so viele Punkte, dass sie sich als erste Nachrückerin für die Grand Finals in Peking qualifizierte, das Finale der 16 punktbesten Spielerinnen weltweit in dem Jahr. „Die zweite Jahreshälfte gehörte wirklich zu den Höhepunkten“, sagte sie damals. „Aber selbst nach meinem zweiten Platz in Dänemark hätte ich nicht damit gerechnet, mich für Peking zu qualifizieren.“ Am Ende des Jahres stand sie erstmals unter den Top 100 der Welt bei den Damen, war im Januar 2005 die Nummer 62. „Sie ist eine der besten jungen Spielerinnen in Europa und hat einen guten Kopf für Tischtennis“, lobte die Kroatin Tamara Boros, die damals beste Spielerin des Kontinents. Die Leser des tischtennis-Magazins wählten Silbereisen zur „Spielerin des Jahres“ vor Europe-Top-12-Siegerin Nicole Struse.

Die Nicht-Fachpresse schloss sich dem Urteil an. Bei den German Open in Leipzig im November 2004 nannte sie die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung das „Goldstück“ des deutschen Damen-Tischtennis, das „keine einzige eindeutige Schwäche“ habe. Für die Deutsche Presse-Agentur war sie „Deutschlands große Tischtennis-Hoffnung“. „Ich finde das schön“, sagte die viel Gelobte damals. „Mich freut es, wenn meine Arbeit und meine Leistungen auf diese Weise anerkannt werden.“ Ein positiver Nebeneffekt: „Mich kennen inzwischen schon mehr Leute. Das Publikum in Leipzig zum Beispiel hat mich angefeuert und ist richtig gut mitgegangen. Das ist schon besser, als wenn man fast alleine in einer Nebenhalle spielt und sich nach der Quali verabschiedet.“ Heute sagt sie darüber: „Zu der Zeit war das natürlich eine große Ehre für mich, aber auch gleichzeitig total viel Druck, weil ich noch relativ jung war und dann von mir so viel erwartet wurde. Es war schwer, diesen Erwartungen auch gerecht zu werden.“

Aus der Krise gelernt

Auch zu Beginn des Folgejahres war sie noch in ihrem Element. Bei der WM in Shanghai brachte sie die Singapurerin Li Jia Wei in sieben Sätzen an den Rand der Niederlage. Bei den Brazil Open in Rio de Janeiro gab es im Einzel die Bronzemedaille. Beim DTTB-Top 12 in Berlin holte sie ihren ersten nationalen Titel bei den Damen. In der Weltrangliste ging es hoch bis auf Platz 47. Doch dann kam die Stagnation.

„Vielleicht kamen die Erfolge 2004 etwas zu früh. Es fehlte damals noch an entsprechender spielerischer und mentaler Reife“, analysiert Dirk Schimmelpfennig heute rückblickend. „Ihre spielerischen Möglichkeiten reichten noch nicht aus, um gegen alle Spielsysteme erfolgreich sein zu können.“ Zudem habe eine neue Erwartungshaltung zu zusätzlichem Leistungsdruck geführt, der Silbereisen in den entscheidenden Momenten verkrampfen ließ. „Sie hat damals konsequent weiter an sich gearbeitet, hat aus Krisen gelernt und ist so als Spielerin und Persönlichkeit gereift. Heute trainiert sie zudem unter professionellen Bedingungen und lebt in einem dem Leistungssport förderlichen privaten Umfeld.“

Tempo, Tempo, Köpfchen / Eine Schwäche bleibt

Unter anderem im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf, wo sie täglich im Kreise der Nationalmannschaft mit vielen Assen aus dem In- und Ausland trainiert, hat sie sich spielerisch weiterentwickelt. Sie kann dem Ball immer noch eine so hohe Beschleunigung geben wie kaum eine Spielerin, doch Tempo ist nicht mehr alles. „Kristin ist von Hause aus eine Spielerin, die das aggressive, schnelle Spiel bevorzugt und gelernt hat“, beschreibt Damen-Bundestrainer Jörg Bitzigeio. „Mittlerweile ist sie aber in der Lage, variabler zu spielen und hat sich auch im passiven Bereich verbessert, was sicherlich einer der Gründe für ihre Leistungsexplosion war.“ Das Fachmagazin „tischtennis“ nennt die neue Variante der „Miss Speed“ kurz „Tempo, Tempo, Köpfchen“ statt „Tempo, Tempo, Tempo“. Sie hat viel an Tempo-, Rotations- und Platzierungswechseln gearbeitet. Weil sie ihr passives Spiel stark verbessert hat, ist nun auch ihre Angst geringer geworden, Tempo aus dem Spiel zu nehmen, falls nötig.

„Als Spielerin hat sie großes Potential, sie trainiert sehr fleißig und zielstrebig“, lobt auch Ungarns Beste, Krisztina Toth, die zusammen mit Silbereisen beim FSV Kroppach in der Bundesliga spielt. Perfekt ist Silbereisen noch nicht. Ihre Nationalteamkollegin Sabine Winter hat längst ihre große Schwäche entdeckt: „Sie hat eine Schwäche für Nutella, aber die ist noch nicht so ausgeprägt wie bei mir...“ Die 18-Jährige schätzt an ihr, dass „sie weiß, was sie erreichen will, was sie dafür tun muss und dass sie das auch durchzieht, egal wie anstrengend es ist“, so Winter. „Das alles aber nicht verbissen, sondern sie behält ihre lockere Art. Eine Spielerin an der sich viele jüngere Orientieren können.“ Und Winter ergänzt mit einem breiten Lächeln: „Die Rückhand ist natürlich auch nicht übel.“

Das findet auch Zhenqi Barthel, mit der Silbereisen ein erfolgreiches internationales Doppel bildet, die feststellt: „Ihr paralleler Rückhand-Topspin ist schon gut.“ Außerdem nennt sie eine weitere Qualität: „Sie kämpft immer und in jedem Spiel. Sie will nicht verlieren und gibt nie auf, egal wie es steht.“ Bei den LIEBHERR Europameisterschaften in Stuttgart 2009 gewann das Duo die Bronzemedaille. „Im Doppel ergänzen wir uns perfekt“, findet Barthel. „Ich spiele kontrolliert und lege die Bälle kurz, sie macht die Punkte. Sie zieht beidseitig einen festen Topspin und hat eine hohe Qualität in den Schlägen. Wenn wir beide fest spielen, bringt es im Doppel nichts. Das haben wir schnell gelernt.“

                                                                                                                                                           

 

Der 2. Teil meines Portraits folgt in Kürze hier auf meiner Homepage.

gelesen 3747 mal letzte Änderung: Montag, 15 August 2011 11:50